Turm-Museum aktuell
Persönliche Erinnerungen
SAISONAUSSTELLUNG 2011 im Turm-Museum Esens
„Dulke Margarethea Peters, geboren 8. Mai 1881, ist nach empfangenen
Religionsunterricht am 29. März 1896 in der St.-Magnus-Kirche zu
Esens konfirmiert worden und hat hierauf zum erstenmal am heiligen
Abendmahl teilgenommen.“ Das bescheinigt der Esenser Superintendent
Christian Eberhard Hermann R. Voß der fast 15-jährigen, späteren
Oberlehrerin Dora Peters.
Derartige Urkunden und viele andere interessante Dokumente, als
zeitgeschichtliche Zeugen verwahrt im Archiv der Kirchengemeinde
Esens und im Magazin des Museums
„Leben am Meer“, sind in der Sonderausstellung
2011 im Turm-Museum St. Magnus zu sehen. Unter dem Titel
„Persönliche Erinnerungen“ zeigt das Mitarbeiterteam um
Museumsleiter Detlef Kiesé zusätzlich zur gewohnten Ausstellung
Papiere und Exponate zu den kirchlichen Ereignissen Taufe,
Konfirmation, Trauung und Bestattung.
Zahlreiche
Gemeindemitglieder haben durch ihre Leihgaben mitgeholfen, diese
Sonderausstellung zu vervollständigen. So gehört ein etwa 60 Jahre
altes gehäkeltes Taufkleid zu den Blickfängen in der Abteilung
„Taufe“. Dokumente machen dazu deutlich, wie mit dem „Auszug aus dem
Geburts- und Taufregister“ anno dazumal die Existenz des neuen
Erdenbürgers bescheinigt wurde.
Im Themenbereich Konfirmation lassen sich die Veränderungen bei den
„Erinnerungsstücken“ über Generationen hinweg am deutlichsten
ablesen. Gab es einst hübsch in Buchdruck auch mehrfarbig
hergestellte Konfirmationsurkunden mit filigranen Zeichnungen und
handschriftlichen Eintragungen (wie die von Käte Taddigs aus dem
Jahr 1913), so befindet sich auf den auf das Wesentliche reduzierten
Dokumenten in heutiger Zeit meist ein Foto. Nicht fehlen durfte das
amtliche St.-Magnus-Kirchensiegel. Als Geschenk gab es 1935 auch
schon einmal Kaffeetasse und Kuchenteller mit passender Inschrift
sowie später metallene Kreuze als Wandschmuck.
„Zur Erinnerung an die Vermählung“ steht auf einer kleinen
Wandvitrine des Ehepaares Cordes vom 4. Mai 1900, neben dem
Myrtenkranz und dem Spruch „Aus der Myrthe möge Silber erblühn – aus
der Liebe zartem Weiss werd’ euch einst ein goldnes Reiss“. Dazu
sind in der Turm-Museums-Ausstellung hübsch gestaltete Trauscheine,
filigraner Brautschmuck und sorgsam aufbewahrte Teile des Schleiers
zu sehen.
„Erinnerungsstücke“
an die Zeitgenossen sind schließlich auch Trauerbriefe und
Todesanzeigen, von denen Beispiele aus verschiedenen Epochen in der
Sonderausstellung zu sehen sind. Darunter sind Briefe, in denen
Familien beispielsweise die Nachricht erhielten, dass ihr
29-jähriger Angehöriger den „Tod für Führer, Volk und Vaterland“
fand, nachdem er „bis zum letzten Atemzug seiner Pflichterfüllung“
im Ersten oder Zweiten Weltkrieg nachgekommen ist.
SONDERAUSSTELLUNG 2010 (ab Pfingsten):
Esenser Kirchenorgel Arnold
Rohlfs größtes Bauwerk
Bedeutendes Tasteninstrument des 19. Jahrhunderts in Ostfriesland wird 150 Jahre alt

Die
neue
St.-Magnus-Kirche war schon sechs Jahre fertig, als auch die
Bauarbeiten an der großen Kirchenorgel auf der turmseitigen Empore
abgeschlossen werden konnten. Der 30-stimmige Bau für seinerzeit
24000 Reichsthaler wird heute als größte und einer der schönsten
Orgeln des 19. Jahrhunderts in Ostfriesland bezeichnet und ist
zugleich auch die bedeutendste Arbeit des Esenser Orgelbaumeisters
Arnold Rohlfs. 1860, also vor 150 Jahren, wurde das Tasteninstrument
in Betrieb genommen.
Rohlfs hatte seine Arbeit mit der Grundstein-legung
der St.-Magnus-Kirche im Jahr 1848 aufgenommen - und benötigte zwölf
Jahre. In der rein mechanischen Schleifladenorgel, für die der
Kirchen-Architekt, Hannovers Konsistorialbaumeister Ludwig Hellner,
den Esenser Handwerker beauftragt hatte, vereinigt sich solide
norddeutsche Orgelbautradition mit Strömungen der Romantik. Das
Instrument zeichnet sich durch eine Fülle charakteristischer
Einzelstimmen sowie ein mildes, jedoch raumfüllendes Plenum aus.
Mit dieser größten Orgel aus seiner Werkstatt -
sie besitzt 30 Register verteilt auf zwei Manuale und Pedal - hat
sich Arnold Rohlfs in seiner Heimatstadt ein Denkmal gesetzt. Das
neuromanische Prospekt, das Rohlfs nach den Plänen Hellners umsetzte,
enthält eine bunte Stilmischung von Elementen der Renaissance. Dazu
gehören kannelierte Säulen und biedermeierliche
Instrumentendarstellungen im mittleren Rundbogen. Durch die
rhythmische Gliederung von kleinen und großen Pfeifenfeldern kommt
die Einheit von Architektur und Orgelgehäuse gut zur Geltung,
beschreiben Fachleute.
Keine Pfeife ist im Kircheninstrument wie die
andere. Einmal aus Kiefern- und Eichenholz gebaut, dann aus
Zinkblech gelötet sind sie von zwei Zentimeter bis fast fünf Meter
groß - einige der Prospektpfeifen auf der Vorderseite. Es gibt nach
oben offene Metallpfeifen und gedeckte, also verschlossene,
Varianten, die dann
bei gleicher Größe noch höhere Töne erzeugen
können. Zwei Balgentreter, oft Konfirmanden, sorgten für den
erforderlichen "Wind".
1931 wurde die Orgel mit Stromanschluss versehen,
so dass ein Ein-PS-Motor künftig für den Winddruck sorgen konnte. Im
rückwärtigen Kirchturm montierten Fachleute den Motor "Ventus", der
einen Winddruck von 120 Millimeter Wassersäule bei einer
Luftleistung von 21 Kubikzentimeter in der Minute erzeugen konnte.
Das Gebläse, das heute noch im Turm-Museum zu sehen ist, war mit
einem neun Meter langen Kanal von 30 mal 30 Zentimetern im
Querschnitt mit der Orgel verbunden, bis es 1969 durch eine neuere
Technik ersetzt wurde.
Nach einem unsachgemäßen Teilrestaurierungsversuch
im Jahr 1963 durch die Firma Palandt führte die Wilhelmshavener
Orgelbaufirma Alfred Führer 1980 bis 1983 eine umfassende
Restaurierung des Instruments im denkmalspflegerischen Sinn durch.
So wurde der Originalzustand der Rohlfs-Orgel nahezu
wiederhergestellt. Im Prospekt stehen seither wieder echte
Zinnpfeifen - die Originale waren im Ersten Weltkrieg zu
Rüstungszwecken abgeliefert und durch
Pfeifen aus Zinkblech ersetzt
worden. Diese befinden sich teilweise heute im Turm-Museum, aus dem
man auch einen Blick in das Innere der Orgel werfen kann.
Hier sind in der Sonderausstellung ab Pfingsten 2010 auch viele
Details zu diesem Thema zu erfahren.
Die letzte größere Wartung mit Reparatur fand im
Oktober 2006 durch die Norder Firma Bartelt Immer statt. Der
Spieltisch wurde vor wenigen Wochen restauriert. St.-Magnus-Kantorin
Inka Drengemann-Steudtner hat für das Jubiläumsjahr eine Reihe von
Veranstaltungen beziehungsweise Konzerte geplant, bei denen die
Rohlfs-Orgel im Mittelpunkt steht.
Stichwort:
Arnold Rohlfs
Arnold Rohlfs (1808 - 1882) war der Sohn des
Esenser Orgelbauers Johann Gottfried Rohlfs (1759 - 1847), der als
Begründer der Orgelbausippe Rohlfs gilt, die zwischen 1790 und 1891
wirkte. Stets hielten sie an der traditionellen Bauweise mit
mechanischer Traktur und Schleifladen fest. Da der ältere Bruder,
Orgelbauer Jacob Cornelius Rohlfs (1805 - 1831), schon früh
gestorben war, übernahm dann Arnold Rohlfs 1840 das Geschäft und
betrieb es später zusammen mit seinem Neffen und Stiefsohn Friedrich
(1829 - 1891), dem Sohn von Jacob Rohlfs.
"Gebrüder Rohlfs",
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Der HARLINGER berichtete im Sommer 2007:
„Bitte nicht berühren“-Schilder fehlen
Im 25 Jahre alten Turm-Museum in St- Magnus ist nun
Sonderausstellung eingerichtet
Esens- Bürgermeister Werner Schmidt,
Heimatvereinsvorsitzender Reinhard Andreesen und
Kirchenvorstandsvorsitzender Georg Oldewurtel waren es im August
1982 neben vielen anderen, die die Einrichtung des kirchlichen
Museums in den Turm der St.-Magnus-Kirche klasse fanden. Immerhin,
so die damaligen Einweihungsredner, sei die Esenser
Museumslandschaft um eine lohnende Station erweitert worden.
In den zurückliegenden 25 Jahren hat sich das „Turm-Museum in St.
Magnus“ längst etabliert, im Zeitraum Ostern bis Ende der
Herbstferien können Jahr für Jahr viele tausend Besucher begrüßt
werden, die kein Eintrittsgeld zahlen, dafür gerne einen Obolus in
die Spendendose geben. Der runde Geburtstag soll am Sonntag, 9.
September, ab 11 Uhr mit einem großen Museumsfest gefeiert werden,
zu dem auch die Museumsgründer kommen wollen. Schon jetzt macht
allerdings die Sonderausstellung „Immer in der Mitte – der
Kirchturm“ auf der dritten Etage deutlich, wie viel Arbeit im damals
einjährigen Ausbau des Turms zum Museum steckte.
Die jungen Erwachsenen verbauten in vielen Hunderten ehrenamtlichen
Arbeitsstunden mehrere Rollen Stromkabel, zig Liter Holzschutzfarbe
und etliche Quadratmeter Holzfußboden. Schon einige Jahre zuvor
hatte die Kurverwaltung Esens-Bensersiel den Einbau einer
Treppenanlage mitfinanziert. Den Bemühungen des Museumsteams war es
zu verdanken, dass parterre nun einer der alten Leichenwagen und
weiter oben mächtige zu sehen ist und das 1876 gebaute Uhrwerk
wieder tickt, die Gruppe fand die alte Altardecke und die frühere
Kirchenfahne wieder und stellte neben umfangreichem Bildmaterial und
Informationen zur Geschichte von Gemeinde und Gebäude unter anderem
auch schwere Glockenklöppel aus.
„Bitte-nicht-Berühren-Schilder gibt es im Museum nicht“ titelte 1982
der HARLINGER. Und bis heute hat sich am kinderfreundlichen Konzept
nichts geändert. Während sich die Eltern auf den herrlichen Ausblick
über Esens bei den Glocken freuen, verfolgt der Nachwuchs auf den
bezifferten Stufen, wie viele der 126 Schritte sie schon gemacht
haben.
Sonderausstellungen bildeten in all den Jahren immer zusätzliche
Anreize zum Museumsbesuch: Einmal ging es um die
Kirchplatz-Umgestaltung oder den Esenser Pastoren und Astrologen
Hermann de Werve, ein anderes Mal um Kurioses aus dem
Bestattungswesen zu Großvaters Zeiten, Bibelfliesen, Ludwig Hellners
Kirchenbaupläne oder Bibeln aus drei Jahrhunderten.
In einer zweiten Abteilung bietet das Turm-Museum in St. Magnus in
diesem Sommer zusätzliche Informationen zur Geschichte des
Kirchturms, der 1845 fertig gestellt rund zehn Jahre älter ist als
der übrige Sakralbau selbst. So hat das Museumsteam die Geschichte
der Glocken im Kirchturm aufgearbeitet. Die Rechnung über zwei
große, 1925 an die Kirchengemeinde gelieferten Glocken sind ebenso
zusehen wie Auflistungen der Metall-Kolosse, die 1942 im Rahmen der
Metallmobilmachung an das Deutsche Reich abgegeben werden mussten.
Nicht alle Glocken kehrten wieder nach Esens zurück, teils war reger
Schriftverkehr erforderlich.
Interessant ist aber auch ein Schriftstück von Stadtdirektor Ewald
Neemann, der den Kirchenvorstand 1950 bat, wegen des aufstrebenden
Fremdenverkehrs die Zifferblätter der Turmuhr streichen zu lassen.
1975 war schließlich ein Jahr, in dem der HARLINGER mit „Große
Glocke in Gefahr“ auf die Schäden der St.-Magnus-Glocke aufmerksam
machte und die Kirchengemeinde das Vierer-Geläut mit einer
Neuanschaffung komplettierte. Nach und nach wurden Glockengeläut und
Turmuhrbetrieb vom Hand- beziehungsweise Mechanikbetrieb auf
Elektrik und Elektronik umgestellt – auch diese Entwicklung lässt
sich in der Ausstellung nachvollziehen.

